Über das Privileg, kreativ sein zu dürfen
- am 24. May 2010
- von bee
- in nachgedacht
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<Rückblende>
Bis vor zwei Jahren war mein Leben deutlich anders. Ich war von anderen Menschen umgeben, hatte eine andere Vorstellung von meinem Leben und meiner Zukunft. Die Menschen um mich herum waren vor allem Juristen und BWLer. Sie legten viel Wert auf politische und wirtschaftliche Diskussionen (und Fußball…).
Ich selbst bin apolitisch. Versteht mich richtig, ich finde Politik wichtig und gehe auch aus Überzeugung wählen. Aber im Alltag ignoriere ich diese Thematik meist und bin auch nicht auf dem Laufenden. Denn was nützt es, darüber zu diskutieren? Ohne die Chance, etwas ändern zu können, fehlt mir die Motivation, mich damit auseinanderzusetzen. Ebenso geht es bei aktuellen Wirtschaftsthemen, weltpolitischen Diskussionen oder Börsenentwicklungen.
Die logische Folge: Ich konnte nie mitreden.
Ich hingegen bin der kreative Mensch. Das fanden auch alle toll. Aber da unsere ganze Atmosphäre sehr politisch-diskussionswütig geprägt war, hatte ich immer das Gefühl: Kreativität ist ein nettes Hobby, aber nicht wirklich wichtig. Ein Ausgleich. Doch kein Ersatz für mein “mangelndes Wissen”.
Das wurde nie direkt gesagt, und bewusst habe ich es nicht einmal gemerkt. Aber es war subtil vorhanden. Und innerhalb von zwei Jahren fängt man an, das zu glauben. Wenn alle um dich herum anders sind als du, dann bist du derjenige, der anders ist. So viele Menschen können nicht irren – folglich übernimmst du diese Einstellung. Unbewusst. Nach und nach. Und verankerst sie tief in dir, weil Anpassung ein Überlebensinstinkt ist.
<Zurück zur Gegenwart>
Wie sehr mich diese Zeit geprägt hat, merke ich gerade sehr deutlich an meinen Zweifeln bezüglich meiner ersten Ausstellung. Doch jetzt ist mein Umfeld ein ganz anderes. Mein Freundeskreis jetzt ist bunt gewürfelt, und viele von ihnen fotografieren selbst. Als ich andeutete, dass es leider keine Vernissage geben würde, meinten sie sofort: “Hey, das ist deine erste Ausstellung – glaubst du, du wirst uns daran hindern können, mit einem Sekt vorbeizukommen?”
Und in diesem Freundeskreis, der mich annimmt, wie ich bin, und erkennt, was für mich wichtig ist… in diesem Freundeskreis lerne ich wieder, was ich nie hätte verlernen dürfen: Es ist nicht eine Nebensächlichkeit, kreativ zu sein. Sondern etwas Wunderbares, das mich zu dem Menschen macht, der ich bin. Ich fühle mich freier. Näher an mir selbst. Und das möchte ich nie mehr verlieren.




Dr. Martin Kreuels
Moin Birgit,
ersetz die Politik durch meine Ausbildung als Biologe, ergänze ein paar private Dinge und schon hättest Du den Text auch für mich schreiben können.
Was Du vor 2 Jahren begonnen hast, beginnt bei mir im Herbst 2009 und wird 2010 ganz neue Weichen für mich stellen.
Danke für den Bericht.
Mat
Daniel
In der U-Bahn hab ich neulich ein schönes Zitat gelesen (leider den Urheber vergessen): “Die Wahrheit ist unabhängig davon, wie viele von ihr überzeugt sind.”
Markus L
der letzte abschnitt ist gänsehaut-erregend! und schoen das du dich gefunden hast.
toll das du solche hast und das du auch so über sie denkst, ich hoffe sie wissen es ebenso!
m.
aki
Fotografieren und Kontakt mit Gleichgesinnten, das ist eine tolle Sache. Ich bin schon gespannt auf deine nächsten kreativen Produkte.
Sam
Super, das klingt richtig gut!
Mich erinnert das an einen Text, den ich gestern las, da wurde ein Ehemann vom Therapeuten gefragt, wer zu Hause die Entscheidungen trifft:
Ehemann: “Bei uns trifft meine Frau die unwichtigen Entscheidungen, und ich die wichtigen”.
Therapeut: “Und welche Entscheidungen sind das so?”
Ehemann: “Nun, meine Frau entscheidet, was es zu essen gibt, wohin wir in Urlaub fahren, was für Anschaffungen wir tätigen und so unwichtiges.”
Therapeut: “Und was für Entscheidungen treffen sie?”
Ehemann: “Die wichtigen natürlich: ob die Mehrwertsteuer erhöht werden sollte, über den Kriegseinsatz in Afganistan, welche Partei an die Macht soll und so.”
Alles eine Frage der Perspektive, gell. Mir wären die “unwichtigen” Entscheidungen jedenfalls lieber
Scorp
Als Teil deiner Gegenwart fühle ich mich geschmeichelt
Wie es in dir so aussieht, das wusste ich ja schon länger, aber mich freut es, dass du solch eine Entwicklung auch offen machen kannst, ohne unsicher zu sein.
pakami
Bei Facebook würde ich jetzt auf “Gefällt mir” klicken !
Fotografie Kreuels – Foto – Natur – Kunst » Privileg
[...] http://birgitengelhardt.de/blog/2010/05/ueber-das-privileg-kreativ-sein-zu-duerfen/ 25 Mai This entry was written by Martin Kreuels, posted on 25. Mai 2010 at 09:41, filed under Bedenklich, Galerie and tagged abstrakt, Bedenklich, Farbe, Kommentar. Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post. Post a comment or leave a trackback: Trackback URL. Browse Older: StorchenschnabelHeute wieder ein Bild einer Ausstellung (14./15.11.2009). Für die damalige Ausstellung habe ich versucht zu reduzieren. Bilder so zu erstellen, dass sie wenig enthalten, aber … [...]
Paleica
das ist schön. ich habe glücklicherweise viele freunde, die das verstehen oder die selber auch sowas machen. aber auch die der ersten sorte. das ist auch okay (mit der politik gehts mir ebenso. ich hab allerdings immer noch ein schlechtes gewissen deswegen). nur der herr punkt, der kann damit so gar nicht viel anfangen… /=
Voice from Hell
Wohin der Zug fährt spielt keine Rolle. Entscheidend ist das Du einsteigst. Don’t look back at all…
niko
Du bringst die Sache aus den Punkt. Ich glaube auch, dass Kreativität ungemein wichtig ist, besonders wenn die Umgebung völlig anders ist und Selbstzweifel hervorrufen. In solchen Erfahrungen liegt aber auch die Chance, zu sich selbst zu finden. Ein berühmter griechischer Philosoph soll gesagt haben: “Wenn nur einer etwas Vernünftiges sagt und Millionen Menschen Schwachsinn reden – es bleibt Schwachsinn.” In diesem Sinne: Entwickle deine Kreativität weiter und umgebe dich mit Leuten, die diese Kreativität zu schätzen wissen und sie verdient haben.
bee