Die Geschichte eines Last-Minute-Photos
- am 15. April 2010
- von bee
- in Reportagen/Berichte
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Heute gibt es an dieser Stelle einen Gastbeitrag. Autor ist Bene, mein Fotobuddy und lieber Freund. Kürzlich war ich dabei, wie ein meiner Meinung nach extrem cooles Foto entstanden ist. Und da ich heute* kochen durfte, wurde Bene währenddessen dazu verdonnert, für euch ein Making-of zu diesem Foto zu schreiben *Der Text ist am Wochenende entstanden.
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Das Ergebnis
Klick vergrößert
Ideen?
Im kwerfeldein-Forum haben wir uns für dieses Jahr im Rahmen des “Projekt12 2010″ vorgenommen, in jedem Monat des Jahres zu einem vorgegebenen Thema ein Photo zu machen. Das Thema im März war “Erneuerung”, und wie bei den vorherigen Themen auch, kam mir schon ganz am Anfang des Monats eine gute Bildidee, die Durchführung lies aber stets bis zum letzten Kalendertag auf sich warten… Faulheit siegt eben immer.
Beim Thema “Erneuerung” war mir, vorallem im Zusammenhang mit dem beginnenden Frühling, klar, dass viele auf die Idee kommen werden, Natur-Blumen-Sonnen-Tau-Zeugs einzuschicken. Darum war mein Ziel und meine letzlich umgesetzte Idee eine grundlegend andere. Es stellte sich mir die Frage, “Erneuerung, was bedeutet das für mich?”. So war die Antwort für mich recht schnell klar, “Beziehung, Trennung, Veränderung.” Das war also mein überstehendes Motiv. Fehlt nur noch das Photo, aber das ist ja nun ein Klacks.
Auch Müll will gestaltet werden
So ging der März dahin, der 31. rückte näher und es stand immer noch kein Photo. Ich besuchte an diesem Abend spontan Birgit in ihrer Wohnung, als mir gegen 8 Uhr Abends einfiel, dass ich ja das Projekt12 2010 beinahe vergessen hätte. Ich frage Birgit also, ob sie denn in ihrer Wohnung Sachen habe, die man so von (Ex-)Freundinnen bei sich zu Hause herumliegen haben könnte, und bereitwillig stellte sie ihr Heim auf den Kopf, um allen möglichen klischeehaften “Mädchenkram” zusammen zu tragen.
Darunter Ohrringe, Perlenketten, geschmacklich grenzwertige CDs aus längst vergessenen Tagen, Stöckelschuhe, Teddybären, selbstgebastelte Kalender etc. Beim Blick auf dieses bunte Sammelsurium an Absurditäten kam mir auch gleich der passende Titel für mein Photo in den Sinn: “Alles, was ich an dir hasste…”
All diese schönen Dinge wurden erstmal in den Papierkorb verlagert. Da aber ein aufrecht stehender Mülleimer kaum Fläche für die Präsentation des eigentlich interessanten Inhalts bietet, wurde der Korb kurzerhand umgekippt und dezent auf dem Boden verteilt. Nun kam die eigentliche Schwierigkeit: Alles so zu platzieren, dass es realistisch ausgekippt aussieht, der Blick aber trotzdem sanft auf gewisse Dinge fokussiert wird.
Da kommt ein weiteres Element ins Spiel: Der Hingucker. Ich brauchte etwas, was Bildtitel, Thema (“Erneuerung”) und meine Gedanken über Trennung und Neuanfang miteinander verbindet und (noch viel wichtiger) auch für den Betrachter verständlich macht. Es fehlt die (Ex-)Freundin im Bild. Ich fragte Birgit also nach einem Photo von irgendeiner jungen Frau, und nach etwas Suchen kam sie mit einem schon etwas betagten Photo von ihr selbst.
Nun galt es also das Photo nicht nur sinnvoll in die Komposition mit einzubinden, sondern es auf möglichst geschickte Weise zu anonymisieren…
Feuer frei!
Nun kam die Action: Ich nahm meine Kamera, legte mich auf den Boden und blickte durch den Sucher. Noch hier und da ein paar Details verändert, und schon konnte es losgehen. Als Objektiv hatte ich mein 50mm f/1.8 gewählt, allerdings etwas auf Blende 2.8 geschlossen, um der Gesamtschärfe etwas entgegen zu kommen. 50mm sind für mich eine gute Brennweite, da ich damit ziemlich flexibel bin, was Nähe zum Motiv und Blickwinkel betrifft. Die weit offene Blende hatte nicht nur lichttechnische Gründe, sondern sorgte vor allem für eine geringe Schärfentiefe, welche ich gerne zur Blickführung einsetze.
Kurz: Ich bin gerne nah dran, mit schönem Bokeh.
Zur Beleuchtung hatte ich vor allem die Zimmerbeleuchtung, aber noch Unterstützung durch einen externen Blitz, der seine Arbeit indirekt über die Zimmerdecke vollbrachte.
Einige Aufnahmen später gib es an die Bestandsaufnahme. Birgit und ich schauen uns alle Photos nacheinander durch und letztlich finde ich das Bild, das mich schon sehr zufriedenstellt.
Da geht noch was…
Kommt noch der Feinschliff. Also Photoshop angeworfen und erstmal den Schnitt etwas angepasst. Das Standard-Spiegelreflex-Format von 3:2 ist zwar schon relativ breit, allerdings wünschte ich mir noch etwas mehr Epos in meinem Bild, weshalb ich mich für das 16:9-Kinoformat entschied. So rückte ich noch etwas näher in die Szenerie, was durch die leichte Schieflage bereits während der Aufnahme noch bekräftigt wurde.
Die Farben waren vor allem eins: bunt. Mit Hilfe von einer dezenten Tonwertkorrektur passte ich die Helligkeit an, mit den Gradationskurven testete ich, wie sich eine Crossentwicklung auf das Gesamtbild auswirken würde.
BAM! Das ist es, wonach ich gesucht habe. Die Farben knallten und waren stimmig. Um den Blick des Betrachters noch etwas stärker zu lenken, versah ich das Photo noch mit einer Vignette, und um die Geschichte komplett zu machen, wurde der Bildtitel als kurzer Texteinschub ein Teil des Photos.
Klick vergrößert
Auf den Punkt
Zum Abschluss noch etwas nachschärfen, runterrechnen und fertig ist mein März-Beitrag für das Projekt 12. Gerade rechtzeitig. Gegen 11 Uhr verschickte ich meine Photo und hatte wieder ein Monatsthema hinter mich gebracht.
Es hat Spaß gemacht, vor allem wegen der guten Hilfe und Zusammenarbeit mit Birgit.
Für alle, die bis hier hin durchgehalten haben: Danke fürs Lesen! Ich hoffe es war ein interessanter Einblick in die Entstehung eines meiner Photos.
Grüße,
Benedikt (alias BenOculus)







miko
Wow, tolles Bild!
Ich find’s interessant auch mal die “Geschichte”, die hinter dem Bild steckt zu erfahren. Anreiz, Idee, Gedanken, Umsetzung, Bearbeitung etc.pp.
Wirklich toll!
Einzig den Schriftzug finde ich leider nicht ganz so gelungen.
Das “hasste” war für mich, auf Grund der Schnörkel, erst in der größeren Version als jenes zu erkennen.
Trotzdem, weiter so.
Werd mich bestimmt mal auf deiner deviantART-Seite umgucken
Liebe Grüße,
miko
Many
Danke liebe Birgit fürs verdonnern! Ich fand den Beitrag ganz große Klasse und möchte mich Miko in allen Punkten anschließen (warum doppelt schreiben?!
)
Voice from Hell
Die Idee an sich nicht verkehrt, allerdings fehlt mir persönlich ein bischen der “Neuanfang” bzw. die “Erneuerung”. Der Schriftzug “alles was ich an dir hasste” in Verbindung mit dem was man auf dem Foto sieht, wirft dann noch nachträglich die Frage auf – gerade weil noch ein Passfoto dabei ist (und somit die Person selbst ja auch mit dem Schriftzug gemeint ist) – ob du die Person von Anfang an gehasst hast. Ich gehe mal nicht davon aus, aber irgendwie passt es nicht ins Gefüge ;-)
Frank
Genial – Erstmal muss ich Danke sagen für den Beitrag. Spannung, Witz und Co. sind nicht zu kurz gekommen. So ist das Foto bzw. die Foto Arbeit doppelt wert. Solche Geschichten um ein Projekt oder Foto sind das Salz in der Suppe, Hut ab und Danke. Gruß Frank
Scorp
@voice from hell:
Die Exfreundin selbst ist natürlich nicht gehasst, aber das grauenvolle Photo, welches man geschenkt bekahm und als liebender Freund natürlich loben musste
Außerdem ist es ein Mittel, um die Exfreundin als Thema ins Bild zu integrieren, sonst wäre es einfach nur ein Haufen irgendwas.
Zuletzt gehört es für mich auch oft dazu in einem Photo auf Entdeckungsreise gehen zu können, auf der man sich seine eigenen Gedanken machen kann. Mit diesem Bild verbindet jeder vermutlich was anderes, jeder hat Dinge, die er an anderen nicht leiden kann oder hat Erinnerungen an eigene Trennungen.
Ob mir das gelungen ist, ist natürlich wieder eine andere Frage
@Miko und Many:
Das mit dem Schriftzug ist mir im nachhinein auch aufgefallen und wurde mir auch von anderer Seite schon aufgezeigt. Dies ist die erste Version des Photos, die fertig war, eben für das Projekt12.
In späteren Versionen wird dieses Manko korrigiert sein.
@ alle:
Danke fürs Feedback, fürs lesen, für Lob und Tadel.
aki
Das Foto ist ästhetisch reizvoll, die Story sehr unterhaltsam. Und nun kommt das Aber: Das Thema Trennung wird wenig aggressiv behandelt. Den umgekippten Papierkorb finde ich sehr viel eindeutiger in seiner Aussage. Da ist auch mehr drin, man kann es besser als Schnickschnack erkennen. Könnte man daraus vielleicht auch ein raffiniertes Foto machen?
Scorp
@Aki:
Das könnte man sicherlich, allerdings habe ich mich bewusst für ein Photo entschieden, bei dem ich nah dran bin, da dies dem Bild entsprach was ich mir in meinem Kopf bereits ausgemalt hatte
aki
Ich habe mich noch einmal mit dem Bild auseinandergesetzt und verstehe es besser. Das letzte ist im Vergleich zum vorletzten knapper und wirkt dadurch gedrängter. Die Veränderung der Farben gibt dem Ganzen etwas Surrealistisches, Alptraummäßiges. Das passt gut zur intendierten Aussage.