Sind wir nicht alle ein bisschen Nofretete? Bildretusche im Zeitalter der digitalen Fotografie

[Gastbeitrag von Pam] Im Bahnhofshandel schauen sie uns an, die Schönheiten auf den Glamour-Zeitschriftentiteln.Überirdisch blicken Angelina Jolie und Co. auf uns herab, Katzenaugen in perfekt symmetrischen Gesichtszügen, gekleidet in atemberaubende Haute Couture Größe 34 – maximal. Aber der aufgeklärte „Homo Hipsterus“ weiß natürlich, dass diese Bilder ohne Ausnahme umfangreiche Veränderungen in einem Programm namens „Photoshop“ durchlaufen haben. Kein Foto wird heute auf einem Titel gedruckt, ohne dass vorher allzu Menschliches retuschiert und damit in den Olymp des Perfekten erhoben wurde. Youtube ist voll mit Tutorials, die zeigen, wie man Asymmetrien begradigen, Kraterlandschaften auf Haut einebnen und Farben ätherisch überstrahlen kann. Die Übersetzung „Fotoladen“ ist fast ein Hohn, wenn man bedenkt, dass es Zeiten gab, in denen das Bild analog in einer lichtempfindlichen Schicht fast eingeritzt war und die Kosten, es zu verändern, astronomisch hoch. Wie lange ist das her, seit die Digitalfotografie flächendeckend Einzug hielt in unser Leben? Vielleicht 10 Jahre oder etwas mehr? Photoshop stammt aus der Zeit, als der digitale Pixel noch ein Traum von Entwicklern war.

Was für Hollywood-Göttinnen (und -götter) legitim ist, sollte auch für Otto Normalverbraucher nicht verkehrt sein. Moment! War da nicht etwas mit dem Anspruch, dass man in Fotos sowas wie die Wirklichkeit abbilden müsste, dokumentarisch … schonungslos? Möchte man nicht als Unabhängiger vom Mainstream, den Zeitgeist verachtend, geradezu einen Kontrapunkt setzen und die Wirklichkeit zur Kunstform erheben?

Bildretusche-vs-Realitaet

 

Da gibt es tatsächlich Vertreter, die diesem Anspruch genügen wollen, FotokünstlerInnen wie Antje Kröger, die ich bewundere, und deren Bilder ich so gerne anschaue. Allein, ich bin dann selber dem Sirenenruf Photoshops immer wieder erlegen. Kaum sehe ich Bilder, wie sie aus der Kamera auf meiner Festplatte landen, möchte ich optimieren, es ist wie ein innerer Zwang, zu schönen, zu begradigen und vor allem dem Betrachter zu gefallen.

Letztlich möchte ich auch den Fotografierten zufriedenstellen, dessen Wunsch erfüllen, so auszusehen wie das hingeschubste Hollywood auf den genannten Magazin-Fronten. Ist das eine Konsequenz aus der digitalen Beliebigkeit, der Inflation von Pixeln, die jederzeit bereit sind, in die richtige Richtung gepusht zu werden? Nein, natürlich nicht. Kunst hat schon immer überhöht, hat schon immer dekorativ sein wollen, Nofretetes Skulpteur war nicht der Beginn und nicht das Ende dieses menschlichen Bedürfnisses nach „Larger-than-Life“, nach einem Bild, dass eine Projektion unseren Daseins ist hin zu dem, was wir gerne wären, aber leider nicht sein können.

pam_blogbild
Über Pam:
Geboren und aufgewachsen in Bayreuth. Zu viele Schulen, zu viele Arbeitgeber.
Seit 2005 selbstständige Mediengestalterin mit dem Drang, zu fotografieren und zu bearbeiten – auch professionell.
Ihre freien Arbeiten geraten meist dekorativ im Pop-Art-Stil und sind käuflich.
Hier geht’s zu ihrer Website bloomoose.de.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Hi Pam,
    ein toller Beitrag!
    Die Wahrheit und deine Offenheit über die Glamourwelt mit ihren perfekten Körpern und schönen Bildern sollte sich besonders die (weibliche) Jugend ansehen, um ihr „normales“ Aussehen besser zu akzeptieren zu können.
    Albert

  2. Danke für diese interessante Betrachtung.
    Zeitungscover-Retusche ist so eine Sache und wirkt oftmals unglaubwürdig, wenn nicht sogar lächerlich.
    Die große Kunst besteht darin, das richtige Maß zu finden und dann sind Verbesserungen mit Photoshop und Co. durchaus wünschenswert. Eine gute Retusche sollte m. E. wirken wie ein gutes Make-Up – und das dabei evtl. auch der ein oder andere Pickel etc. dran glauben muss, halte ich für durchaus in Ordnung.
    Außerdem: Es kann nicht jeder ein „Purist“ sein – sonst könnten die Software-Anbieter ja einpacken ;-) Und von den Kunden der Portrait-Profis wird das „Veredeln“ doch in den meisten Fällen erwartet.
    lg pETRA

    PS: dem Link zu Antje Kröger bin ich gefolgt – tolle Aufnahmen mit dem gewissen Etwas.

  3. Die Veredlung der Fotos finde ich sehr ansprechend. Der Öffentlichkeit zeigt man sich gerne von seiner besten Seite, man zieht auch sein schönstes Kleid bei einem Fest an. Schönheit erfreut, einen selbst und den Betrachter auch. Zu Hause ist das anders, im liebenden Auge fühlt man sich immr gut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.