Wenn Fremde im Wohnzimmer fotografieren – ein Plädoyer für mehr Respekt

Es ist Sonntagvormittag und ich sitze mit Freunden in deren Wohnzimmer. Wir unterhalten uns, da betritt einer den Raum, macht ein Foto und geht grußlos wieder. Absolut entgeistert schaue ich ihm hinterher, aber die anderen sagen mir, da gewöhne man sich dran.

Eine schräge Szene? Ja, aber so habe ich sie erlebt. Nur dass das Wohnzimmer nicht in einem festen Haus, sondern in einem Gemeinschaftszelt stand. Als Teil des Lagers eines Mittelaltermarkts. Und für einen Tag war ich, in voller Gewandung, Teil der Darsteller und Gast im Lager besagter Freunder.

Natürlich kommen Besucher zum Mittelaltermarkt, um die Atmosphäre zu genießen. Zahlen dafür Eintritt. Und ich verstehe auch, dass sie Erinnerungsfotos machen möchten.

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Doch lasst es mich aus Sicht der Darsteller erklären. Diese Menschen begeistern sich für vergangene Zeiten. Sie stellen Menschen aus einer bestimmten definierten Schicht und Zeit dar und haben ein enormes Wissen darüber, wie diese Menschen gelebt haben. Die meisten Kleidungsstücke, Werkzeuge und Accessoires sind mit Hilfe damaliger Fertigungstechniken selbstgemacht. Sogar die Zelte sind unbeschichtet, weil es damals kein Imprägnierspray gab (wohl aber andere Techniken, um sich vor Regen zu schützen).

Diese Menschen nehmen an den Märkten teil, weil sie sich mit Gleichgesinnten treffen. Viele kennen sich seit Jahren und die Gruppen sind wie Familien. Sie sind nicht dort, um etwas darzustellen. Sondern um es zu leben. Ein Wochenende ohne PC und Handy, dafür mit vielen Gesprächen, Gesang und netten Menschen.

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„Ja, aber ich habe doch Eintritt bezahlt“, höre ich jetzt einige sagen. Das stimmt. Davon finanziert der Veranstalter das Gelände, die Organisation, die Toiletten und was auch immer. Aber mit diesen paar Euro das Recht kaufen, alles, was nach „Inventar“ des Marktes aussieht, einfach zu fotografieren? Das Einverständnis der Darsteller gleich mitgezahlt? Das ist zu einfach. Und erinnert mich ein wenig an einen Ablassbrief: Einmal zahlen – und alle Sünden sind vergeben.

Wenn ihr das nächste Mal auf so einem Markt seid, denkt bitte daran: Ihr seht Menschen, die eine Begeisterung für ein Thema aufbringen, wie es wenige tun. Die viel Geld und Zeit in ein Hobby stecken und dann die Geduld haben, drei Tage lang angeschaut zu werden. Die sich über jeden freuen, der sich für „ihr“ Thema interessiert, und die freundlich jede Frage beantworten. Wenn ihr sie fotografieren wollt, spricht nichts dagegen. Doch bitte, fragt vorher. Sie sagen fast immer ja. Und werden sich vermutlich sogar dafür bedanken, dass ihr gefragt habt. Denn zu viele Besucher verhalten sich, als seien sie im Zoo. Als würden sie keine Mitmenschen, sondern Ausstellungsstücke fotografieren. Ich bitte dich: Gehöre nicht zu ihnen.

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Es ist immer wieder eindrücklich mit welchem Herzblut solche Events organisiert und durchgeführt werden. Das Foto mit den Schildern sieht Klasse aus.

    Wir waren noch nie auf so einem Mittelaltermarkt, deshalb ist die Situation nicht ganz einfach nachzuempfinden. Es klingt aber seltsam, wenn man einfach so hineinspaziert und ein Foto knippst ;)

  2. Gut, dass du das Verhalten von Besuchern einmal thematisierst. Viele denke sich sicherlich nichts dabei, wenn sie keinen Kontakt zu den Akteuren aufnehmen. Ich war einmal auf einem Mittelaltermarkt in Bremen. Da hatte ich nicht den Eindruck, dass die Akteure einem Hobby nachgehen. Ich empfand sie als ziemlich stur und teilnahmslos und hatte den Eindruck, sie täten nur ihren Job.

    1. Das ist natürlich schade. Wenn du mal in Bayreuth bist, sag Bescheid! Dann nehm ich dich mit zu einem richtigen Markt. Mit viel Ambiente und Stimmung.

  3. Ich Legere jetzt seit 10 Jahren.Es ist wahr viel Arbeit Geld und Herzblut steckt in diesem Hobby. Aus Erfahrung kann ich sagen es gibt alles…Leute die gaffen und fotografieren, Leute die dich dumm von der Seite anreden; Leute die ihren Hund in dein Lager schicken und dann die Polizei holen wenn dein Hund sein Lager verteidigt; Leute die ihren Kindern den größten Schmarrn erzählen und du dir auf die Zunge beißen musst den Vater nicht vor den Kindern zu berichtigen (erboste Väter sind da gar nicht lustig: Erfahrungswert), Leute die alles anfassen; Leute die einfach mit den Händen in dein Abendessen greifen „wieso Ihr esst das doch nicht , das ist doch nur Show“ und und und…. Man lern es zu ertragen, sich freundlich aber bestimmt zur Wehr zu setzen. Besucher die höflich und interessiert fragen sind dann eben umso willkommener, die gibt es auch und das macht eben den Spaß..

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