Auf der Suche nach dem Glück: Darum fotografiere ich.

In meiner Thurnauer Fotogruppe stellt sich bei jedem Treffen ein Mitglied fotografisch vor. Damit wir uns besser kennenlernen und sehen, wer sich gerade wofür begeistert. Mein Vortrag beinhaltete zum einen alte und neue Fotos, die ich als typisch oder als Meilensteine bezeichnen würde. So habe ich die Wirkung des goldenen Schnitts durch Zufall selbst entdeckt, denn in meinen Fotobüchern für Kinder kam er nicht vor. Zum anderen beinhaltet er aber auch aktuelle Gedanken und Bauchgefühle rund um die Fotografie. Keine fertigen Erkenntnisse, sondern eine Ist-Aufnahme verschiedener Gedanken und Themen, die mich beschäftigen – teils bewusst, teils einfach, indem ich immer wieder dahin zurückfinde.

Zunächst stellte ich mir die Frage, warum ich überhaupt fotografiere. Und stellte fest, dass es für mich mehrere Gründe gibt, die Kamera zur Hand zu nehmen.

Flow.

Wenn ich bestimmte Themen fotografiere, bin ich im Flow. Einem Zustand, den Csíkszentmihályi über Jahrzehnte untersucht hat:

It is when we act freely, for the sake of the action itself rather than for ulterior motives, that we learn to become more than what we were. When we choose a goal and invest ourselves in it to the limits of concentration, whatever we do will be enjoyable. And once we have tasted this joy, we will redouble our efforts to taste it again. This is the way the self grows. (Mihaly Csikszentmihalyi, Flow: The Psychology of Optimal Experience)

Das Thema „Flow“ ist übrigens sehr spannend! Wer mehr wissen will, findet hier eine gute Zusammenfassung.

Wann genau ich diesen Flow empfinde, ist vorher schwer zu sagen. Er tritt ein, wenn ich Orchideen fotografiere – nicht aber, wenn ich ein Foodbild arrangiere. Er entsteht, wenn ich auf einem Spaziergang einen Schmetterling jage, nicht aber, wenn ich durch die Stadt auf Motivsuche gehe. Planbar ist er nur bedingt. Meist tritt er ein, wenn ich einfach Lust auf etwas habe. Wenn ich es stattdessen eher mache, um entweder die Ergebnisse zu haben oder weil ich meine, es für irgendein Projekt, Objektivtest oder so machen zu müssen, dann ist er unwahrscheinlich.

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Ich möchte etwas ausdrücken.

Bei einigen Fotos habe ich vorher schon etwas im Kopf, das raus möchte. Das kann ein Gefühl sein, das ich habe und visualisieren will. Es kann auch ein Bild sein, das in meinem Kopf ist und raus möchte. Ohne dass es analysiert und kategorisiert wird. Einfach, weil es mir in dem Moment wichtig ist. Einige dieser Bilder zeige ich hier (eins sogar in wenigen Tagen). Einige nicht. Weil zu persönlich.

Ich möchte mich erinnern.

Im Alltag mache ich immer wieder ganz bewusst Fotos. Vom Essen, Schlafen, Lesen, Arbeiten… von allem, was den Alltag ausmacht. Wie wir leben. Weil es mir wichtig ist. Früher in Form von Project Life, seit diesem Jahr als Fotobuch. Diese Bilder sind teils in echt schlechter Qualität, weil ich nur mein iPhone 4 dabeihabe. Manchmal aber auch echt gut. Aber alle sind authentisch.

Ich möchte Erinnerungen schenken.

Ob beim Ausflug mit Freunden oder beim Familienbesuch, oft habe ich die Kamera dabei. Nicht so sehr für mich, sondern für die anderen. Weil sie so schöne Erinnerungen an einen schönen Tag haben (außerhalb meiner Fotogruppen fotografieren sehr wenige). Die Fotos gehen dann einige Tage drauf als Downloadlink rum oder werden als Fotobuch überreicht.

Es wird bezahlt.

Kein Briefmarkensammler, kein Surfer und kein Bücherwurm wird gefragt, ob sich sein Hobby denn finanziell lohne. Weil es einfach nicht zusammengehört. In der Fotografie ist das oft anders. Das ist keine Wertung, sondern eine Beobachtung der Buchautorin Dr. Martina Mettner. Es stimmt, die teure Kameraausrüstung ein wenig rezufinanzieren (welch Wort!), das ist schon angenehm. Und so portraitiere ich immer mal wieder Brautpaare, Geschäftsleute oder Familien. Und auch dabei komme ich oft in den Flow, auch wenn die Motivation für so ein Shooting ursprünglich rein extrinsischer Natur war.

Geht es euch ähnlich? Warum fotografiert ihr? Das würde mich sehr interessieren!

PS: Freut euch auf Teil 2 dieses Vortrags!

Dieser Beitrag hat 15 Kommentare

  1. Hallo Birgit,

    danke für diesen tollen Post und die vielen Links dazu!!!
    Ohne zu wissen das es diesen Flow- Effekt gibt, kenne ich diesen Zustand sehr gut. Meistens wenn ich draußen in der Natur bin und mich von einer Makroaufnahne zur anderen hangele und ich kein Ende finde, weil es einfach läuft und die Bedingungen gute Fotos zu machen einfach stimmen. Oder wie letztens, als ich in einem lost place unterwegs war. Nach kurzer Zeit war ich einfach „drin“ …in meiner eigenen Welt. Ein herrliches und sehr kreatives Gefühl ;-). An diese Fotoausflüge habe ich noch Monate später überaus positive Erinnerungen.

    Da ich auch in einer Fotogruppe bin, würde mich interessieren, wie viele Fotos zeigt ihr bei eurer persönlichen und fotografischen Vorstellung?

    Nochmals danke ;-)

    Viele Grüße, Katja

    1. Huhuu Katja,

      wir haben für unsere Vorstellungen keine Bildmenge, sondern ein Zeitfenster. Das soll etwa 10 Minuten sein. Ob man in der Zeit ganz viele Fotos zeigt oder weniger Fotos, aber dafür die Geschichte dahinter erzählt, ist jedem selbst überlassen. In meinem Fall hab ich einfach entschieden, dass es den anderen mehr bringt, wenn ich eine Diskussion anrege :)

  2. Hey dein Kommentar ist sehr gut. Ja ich Fotografie auch sehr viel um privaten Umfeld wie auf Geburtstagen und so. Aber ich habe irgendwie immer gerne eine Kamera mit mir. Ich finde es auch interessant ein Geschenk in Form eines Kalenders, oder so zu machen. Ich wüsste nicht wie ich meine Zeit manchmal anders sinnvoll nutzen, da mich die Fotografie innerlich ausfüllt. Mit besten Grüßen Konstantin

    1. Das stimmt, manchmal mach ich das auch. Etwa bei einem runden Geburtstag meiner „Schwiegeroma“. Sie hat sich so über das Fotobuch gefreut! Das war echt schön :)

  3. Das mit dem Flow kenne ich nur zu gut. Nur ich kann ohne Flow keine Bilder „liefern“, die später meinen Ansprüchen gerecht werden. Daher kommt es öfter vor, dass ich zwar die Kamera dabei habe (was fast immer ist), aber kein einziges Bild mache.

    Ich fotografiere aus sehr ähnlichen Gründen. Ich bin bis zu einem gewissen Grad technikbegeistert, der ganze Prozess macht mir Spaß, es tut gut etwas „erschaffen“ zu haben, ich kann mich damit ausdrücken bzw. meine Sicht auf Dinge zeigen und natürlich dokumentieren.
    Während meiner Vietnamreise habe ich ein Reisetagebuch geführt. Ursprünglich war es dazu gedacht meine Familie und Freunde auf dem Laufenden zu halten. Im Nachhinein schaue ich mir immer wieder gerne die Bilder an und erinnere mich, wie es war und bekomme Fernweh ;-)

    Ich versuche jedoch gar nicht erst mein Hobby zu refinanzieren. Denn dann müsste ich Sachen machen, zu denen ich keine Lust habe. Ich bin mittlerweile so weit, dass ich nicht mehr an Wettbewerben teilnehme (habe ich eh nicht oft, obwohl ich einige Erfolge hatte und auch schon (Sach)-Preise gewonnen habe) und auch nicht Themen behandle, die andere vorgeben.
    Denn hier kommt wieder der Flow ins Spiel. Ich möchte viel lieber die Sachen fotografieren, die mich bewegen, die mich interessieren. Wer vorgegebene Themen benötigt, der hat nichts zu sagen.

    Ich versuche daher eher viel bewusster einzukaufen und der G.A.S.-Krankheit nicht zu erliegen. Ich mache mir viel mehr Gedanken vor dem Kauf, ob, wie und wie oft ich etwas nutzen würde. Ich stand quasi schon mit dem Geld in der Hand im laden, wund war drauf und dran mir eine Vollformat-Kamera zu kaufen (damals gab es noch keine nennenswerten spiegllosen Vollformat-Kameras). Ich überlegte, ob ich das wirklich brauche, und ob mich das fotografisch weiter bringt. beide Fragen musste ich mit „nein“ beantworten. Meine alte APS-C DSLR hatte ich oft nicht mit, weil es zu umständlich war, oder sie einfach störte. Aber eigentlich wollte ich auch genau da fotografieren. So bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich etwas Kleineres, Kompakteres und Unauffälligeres bräuchte, und nicht noch größeres und schwereres Equipment brauche.
    So bin ich bei APS-C geblieben, bin dann aber von DSLR zu einem spiegellosen System gewechselt. Im Nachhinein betrachtet war das genau die richtige Entscheidung. Ich bin in meinen Augen ein besserer Fotograf geworden, und es ist mir mehr bewusst geworden, was ich eigentlich möchte.

    1. Vermutlich machst du es genau richtig! Da bist du weiter als ich, ganz freimachen von der Meinung anderer kann ich mich nicht. Wettbewerbe mach ich immer wieder mal mit, mit wechselndem Erfolg, aber zumindest immer mit MEINEN Fotos – und nicht irgendwelchen Motiven, die ich extra für den Wettbewerb arrangiert hab.

      Spiegellos is super, oder? Bin auch zu Fujifilm gewechselt und absolut glücklich damit!

  4. Ich selbst fotografiere nicht, freue mich jedoch natürlich, wenn ich durch sie an schöne Stunden erinnert werde, die ich erlebt habe. Selfies jedoch finde ich furchtbar.
    Was ich besonders gerne mache: schöne Fotos ansehen! Das erzeugt bei mir ein ungeheuer positives Gefühl und dann bin ich unersättlich.
    Beide Fotos sind einmal wieder überraschend, sie sind ästhetisch und setzen in Erstaunen. Das zweite Foto ist mysteriös. Ist es bei der Mondfinsternis aufgenommen worden?!

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