„Hmm… nee!“ Die Leiden der jungen Bachelorschreibenden

Ich werde wach. Verzweifelt überlege ich, wie ich die geheime Maya-Schatzkarte entschlüsseln kann, die an der Wand des Frauengefängnisses hängt, ohne dass die Insassinnen merken, dass ich keine von ihnen bin.

Ich werde richtig wach. Wünsche mir, ich würde noch schlafen, weil ich derzeit nur zwei Stadien kenne: Schlafen und Bachelorarbeit. Gelegentlich esse ich noch und das Bad benutze ich auch alle paar Tage. Wobei essen und Bachelorarbeit durchaus gleichzeitig geht. Mit dem Duschen und dem Rechner ist das schwieriger.

Überlege, wie man so einen Tag am besten anfängt. Ein Plan wäre gut. Weil wer gut plant, der weiß auch, was zu tun ist. Ich bleibe also im Bett liegen und plane. Am dringendsten ist ein Artikel, den ich noch schreiben muss (einfach, aber hab keine Lust). Ich brauch immer noch einen Schriftzug für den Magazinnamen (kann langwierig werden).

In dem Moment, in dem mir nichts mehr einfällt, was ich planen könnte, habe ich eine Idee. Keine großartige, aber eine von diesen kleinen, die in der Summe die Sache rund machen. Werte das als gutes Zeichen und stehe auf.

Aber zuerst Frühstück. Esse drei Brotscheiben. Überlege, dass ich zum Erhalt meiner Figur bis zum Mittagessen nichts essen sollte. Überlege weiter, ob ich das durchhalte. Esse zur Sicherheit noch ein paar Kekse, damit ich auch wirklich satt bin.

Im Bad schau ich in den Spiegel. Sieht doch alles gut aus. Beschließe, die Brille lieber noch nicht aufzusetzen, wer weiß, wie ich dann aussähe. Waschen, Haare, anziehen.

Setze auf dem Weg zum Rechner die Brille auf. Nach einer kurzen Morgenroutine (nur Spam und Newsletter) starte ich durch. Zum Artikelschreiben hab ich keine Lust, also überlege ich, wie der Schriftzug zum Magazin aussehen soll. Gestern habe ich den Namen „zam“ zigmal geschrieben. Mit Breitfeder, Tusche, Deckweiß, Edding und Kohle. Die besten scanne ich jetzt ein und probiere sie durch. Einer gefällt mir ganz gut.

Ich habe das Glück, dass zwei meiner Verwandten genau in die Zielgruppen meines Magazins fallen. Entsprechend oft rufe ich sie mit Bitte um Feedback an. Sie werden schon immer ganz hektisch vor Freude, wenn sie meine Nummer sehen.

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Feedback von Verwandten ist ein zweischneidiges Schwert. Meist sagen sie „Das find ich schön“ oder „Das gefällt mir irgendwie nicht.“ Sie könnten ja auch sagen: „Erhöhe den Durchschuss des Textes um 5%, reduziere die Deckkraft um 10% und wenn du dann alles noch um die Wurzel des Goldenen Schnitts verschiebst, dann ist es perfekt.“ Nein, sie sagen „Gefällt mir irgendwie noch nicht.“ Dann ist es an mir zu erraten, woran das liegen kann. Allerdings muss ich gestehen, dass es nach weiteren Änderungen fast immer deutlich besser aussieht.

Ich rufe also an. Erkläre meine Versuche, den Schriftzug für das Cover zu machen. Das aktuelle Cover hab ich rübergemailt. Geschäftige Pause, während meine Verwandte ihre Mails öffnet und sich den Entwurf anschaut. Dann: „Irgendwie gefällt mir der Schriftzug nicht, der ist zu aggressiv.“ Mist! Überlege, ob ich den Entwurf noch einmal überarbeite oder gleich rituell verbrenne. Entscheide mich für Ersteres, weil ich sonst den Rauchmelder deaktivieren müsste und das artet dann doch in Arbeit aus. Analysiere, warum der Schriftzug aggressiv ist. Erkenne, dass die Kanten sehr hart und das „m“ sehr gebeugt ist. Fange an, ihn zu überarbeiten, als mir meine Idee von heute früh wieder einfällt.

Verschiebe die Bearbeitung auf später und probiere meine Idee aus. Sie funktioniert. Erlebe ein kurzes Hochgefühl.

Habe Hunger. Esse. Werde müde. Brauche 20 Minuten, bis das Bett auf Schlaftemperatur ist. Lege mein Buch zur Seite und schlafe 30 Minuten. Werde wieder wach. Versuche zum zweiten Mal an diesem Tag, mich zum Aufstehen und Arbeiten zu motivieren. Nach kurzer Zeit stehe ich dann doch auf.

Jetzt will ich den Artikel schreiben. Es geht um einen einfachen Sachverhalt, zu dem es eigentlich kaum was zu sagen gibt. Aber ich habe ein paar O-Töne und muss irgendwas daraus machen. Tatsächlich fällt es mir leicht. Überlege, was das über mich aussagt. Verdränge das Ergebnis und bearbeite lieber die passenden Fotos.

Manchmal vergleiche ich diese Bachelorarbeit mit einem wackelnden Stuhl. Man sägt an einem Bein, dann wackelt er woanders. Da sägt man dann und das alles so lange, bis kein Bein mehr übrig ist. Aber er wackelt nicht mehr. Ok, das Beispiel wackelt auch, aber irgendwie passt es. Ich passe vorne im Magazin was an. Das passt dann, dafür ist dann aber in der Mitte was, was aus dem neuen Rahmen fällt. Also wurschtel ich dann dort weiter. Jetzt fällt mir auf, dass diese neue Änderung Auswirkungen auf den Artikel ganz hinten hat. Und so weiter.

Den Rest des Nachmittags säge ich also, bildlich gesprochen, an meiner Bachelorarbeit. Als ich am Abend Feierabend mache, wackelt der Bachelorstuhl schon etwas weniger. Zufrieden und vom Abendessen gesättigt lege ich mich zu meinem Kirschkernkissen ins Bett. Nach wenigen Seiten fallen mir die Augen zu. Es ist gerade halb 11 abends. Überlege mir, dass ich früher mehr Energie hatte. Andererseits habe ich früher auch keine nächtlichen Geheimaufträge machen müssen.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Wenn deine Arbeit fertig ist, kommt wahrscheinlich der richtige Frust. Alles sieht sehr schön, aber auch harmlos aus. Rechne mit der Frage: „Was war denn daran so schwierig?“
    Kopf hoch und durch. Ich drücke dir für den Endspurt alle Daumen.

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