Warum die Studenten es gar nicht sooo gut haben. Ein kleiner Tagebucheintrag.

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„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. Wie oft muss ich an diesen Spruch denken! Und weil ich mindestens ebenso oft Vorurteile über Studenten höre, erzähle ich mal a weng aus meinem Leben.

Vorab für alle, die mich noch nicht so gut kennen: Ich bin Diplom-Kauffrau (FH) und habe bereits 5 Jahre Berufserfahrung. Ich kenne also sowohl das Studieren vor dem Bachelor als auch die Arbeitswelt ;)

„Studierende haben viel Freizeit“.

Ha. klar… Zu Diplomzeiten war alles noch entspannter, da hab ich nebenbei Spanisch gelernt, 3 Nebenjobs gehabt und war im Vorstand von einem Verein. Und hatte jeden Abend ab ca. 7 Feierabend (außer vor Prüfungen). Aber heute…

Rechnen wir mal!

Die Fächer, die ich dieses Semester belege, geben insgesamt 22 Credits. Ein Credit entspricht einem Arbeitsvolumen von 30 Stunden (Vorlesung und/oder Projektarbeit).

22 Credits x 30 Stunden = 660 Stunden

Das Sommersemester hat 17 Vorlesungswochen. Macht 38,8 Stunden die Woche. Ok, das ist fair.

Aber… es kommt noch ne Menge dazu.

  • Eigentlich hätte ich 6 Credits mehr, die ich machen müsste. Hab es aber schon vergangenes Semester erledigt. Wären noch mal 10,6 Stunden die Woche.
  • Hinzu kommt, dass wir die essenziellen Programme wie Photoshop, InDesign und Illustrator nicht als Fach haben. Das müssen wir uns alles selbst beibringen. Die Videotutorials sind in der Bib…
  • Irgendwovon muss man ja leben. Ich arbeite nebenher für mehrere Kunden und als Hiwi.

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„Studenten schlafen doch ewig“.

Jain. Ich gestehe, ich schlafe oft bis halb 9 – um 3/4 10 ist meist die erste Vorlesung. Aber hey, ich arbeite auch oft bis Mitternacht. Wenn ich gut drauf bin, nur bis halb 11 und surf noch ein wenig. Aber Freizeit hab ich zu genau 2 Terminen: wenn ich zum Sport gehe (2x die Woche) und sonntags (da werd ich dazu gezwungen) ;)

Hinzu kommt der Jetlag. Von Montag bis Donnerstag habe ich relativ wenige Vorlesungen (mit relativ vielen Hausaufgaben). Gelegentlich ist sogar ein Tag frei. Das erzeugt so ein Wochenend-Gefühl. Und dann kommt derzeit fast jede Woche Wochenend-Blockunterricht. Freitagmorgen bis Samstagnachmittag. Dann fährst du heim, hast wieder einen Tag frei und es geht von vorne los. Wie oft ich überleg, welcher Tag überhaupt ist, weil ich komplett aus dem Rhythmus bin…

„Als Grafiker musste ja eh nur bissl malen und basteln“.

Ha… ha… ha… Und Fotografen drücken auch nur den Auslöser…

Wir lernen ganz viel, was wir brauchen. Projektmanagement. Marketing. Gestaltungslehre. Medienrecht. Medientheorie. Und und und. Nebenbei noch mehrere Programmiersprachen (auch wenn ich eher in den Printbereich will).

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„Studieren ist die beste Zeit des Lebens“.

Nein.

Erst mal glaub ich, dass man so glücklich ist, wie man sich fühlt.

Aber es gibt Lebensphasen, da ist es einfacher, sich glücklich zu fühlen, und andre, da geht das etwas schwerer.

Das Diplomstudium war super, da hatte ich viel Freizeit, um mich zu entfalten. Business-Spanisch hab ich gelernt und Qualitätsmanagement. Habe Projekte gemacht und mich entspannt.

Jetzt ist das anders. Mein Leben besteht von Montag bis Samstag fast nur aus Arbeit. Zumindest bis 10 abends. Dabei will ich keinen 1,0-Abschluss, aber ich will Projekte abgeben, auf die ich stolz bin. Und langsam arbeite ich nun wirklich nicht.

Dabei bleibt viel auf der Strecke. Meine Freunde seh ich viel seltener als früher. Auch wenn ich bewusst versuch, mir da Abende freizuschaufeln. Es geht nur bedingt oft. Und ich war – abgesehen von zwei Shootings – noch nicht bewusst fotografieren. Waah. Schlimm. Dokufotos für Projekte und Alltagsschnappschüsse zählen nicht.

Ganz ehrlich?

Es ist ein Privileg, Vollzeit lernen zu dürfen. Aber ich freue mich auch wieder auf einen geregelten Feierabend und ein Wochenende am Freitagmittag.

Dieser Beitrag hat 8 Kommentare

  1. Bin der selben Meinung wie du!
    Bin selbst Berliner Studentin und weiß wie das ist.
    Jedes Wort ist Wahr !

    Klar sagt man das es die beste Zeit des Lebens ist…da man Jung ist und halt noch nicht Vollzeit arbeiten „muss“
    Das klingt aber echt besser als es ist.

    Guter Beitrag! Weiter So :!:

  2. Interessanter Beitrag. Ich selbst studiere nicht mehr -und das schon länger. – Ich sehe aber die „Verschulung“ von Studium seit Umsetzung des „Bologna-Prozesses“, und die damit einhergehende Einführung von Bachelor -und Masterstudiengängen mit großem Unverständnis. Ich verfolge dies bei vielen Studenten in meinem Umfeld.

    Du beschreibst u.a. einige Folgen dieser Veränderungen, die nicht zu einem mehr an Bildung oder einem verbesserten ( im Sinne von Qualität) Studium führen, sondern zu Studenten, die vor allem lernen, sich Lehrplänen unterzuordnen.

    Mit „Studium“ hat das oft (sicherlich gibt es auch Ausnahmen) nichts mehr zu tun. Schade! Auch im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung junger Studierender. Die Folgen wiederum sehe ich oft im Job. Was da aus den Unis kommt, ist oft nur – was Persönlichkeitsentwicklung angeht – halbfertig.

    Danke für den nachdenklich machenden Beitrag.

    Lg,
    Werner

  3. Wow – ganz ehrlich – so anstrengend hätte ich mir das jetzt echt nicht vorgestellt.
    Dass du superfleißig bist und viel zu tun hast ist mir schon klar – aber das ist mehr als ein Fulltimejob.
    Hut ab :)

    GLG Manu

  4. Liebe Birgit, ich kann dir nur eindeutig zustimmen! Und auch ich freue mich darauf sobald wie möglich wieder richtig beruflich tätig zu sein und auf eine damit verbundene geregelte(re) Arbeitszeit!

    Halt durch, ich mache es auch! :idea:

  5. „Als Grafiker musste ja eh nur bissl malen und basteln“
    Ja das kenn ich ^^
    Die Arbeit wird halt oft nich ernst genomm und das ist belastend. Zu viele Leute sehen halt nur die einfachen Schritte mit Fotoshop und das knipsen mit dem Smartphone. Aber das dahinter viel mehr steckt das wissen wenige. :(

  6. Liebe Birgit,

    das ist wirklich viel mehr als zu meiner Diplomzeit. Fürchte aber dass das weniger ein Zwischensprint ist als vielmehr ein gutes Training für die spätere Arbeitswelt. Gerade als Freiberufler, und die Richtung geht ja ganz Design, kann man immer weniger nein sagen.

    Immer wenn ich dachte ich hab‘ schon viel zu tun kuckte ich auf meine Chefs und gruselte mich. Je mehr ich Chef werde stelle ich fest dass das zu Recht war. Die letzten vier Jahre haben mir 10.000h Arbeit abgerechnet, und es wird immer mehr, immer noch.

    Pass‘ auf Dich und Dein Seelenleben auf, aber zu viele Illusionen wo Dich unsere Welt hin bringt würde ich mir nicht machen. Freitag mittag Schluss, das stirbt aus glaube ich.

  7. ich glaub, es kommt viel drauf an, mit wieviel engagement man studiert, was man aus seinem studium rausholen will und was man für ein mensch ist. die ersten jahre hab ich mordsmäßig gas gegeben um weiterzukommen, da wars gar nicht lustig – trotz ausschlafen. die letzten 2 jahre hab ich genossen, bisschen gelernt, bisschen gearbeitet, bisschen gebummelt. andere betreiben das halt 8 jahre und haben zum schluss einen bakk, ich habe in 8 jahren 2 mag gemacht und trotzdem 1 1/2 jahre sehr genossen. dafür habe ich jetzt neben einem jahr vollzeit arbeiten meine magisterarbeit geschrieben und die abschlussprüfungen gemacht – das hat die viele freizeit davor auch wieder ‚wettgemacht‘. den ’schlechten‘ ruf haben studenten wohl von all denen, die die zeit nehmen um das leben zu genießen und laut anarchie zu rufen.

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