Undank ist der Welten Lohn – oder: Warum ich jetzt öfter “Nein” sage

Seit ich denken kann, bin ich ehrenamtlich tätig. Und ich bin es gerne. Gleichzeitig beobachte ich, wie Ehrenamt und kostenlose Leistungen immer mehr einfach vorausgesetzt werden, was ich nicht ok finde. Wo also die Grenze setzen? Eine leicht angesäuerte Betrachtung.

Kurzer Hinweis an meine Fotogruppe, an bereits zugesagte Hochzeiten und das Freiwilligenzentrum Bayreuth: Für euch ändert sich nichts. Nicht dass ihr jetzt nen Schrecken bekommt :)

Wer kann, der muss…

An diesem Spruch meiner Uroma ist so viel Wahres…

Ich bin Hobbyfotograf und habe eine optisch imposante, weil große Kamera. Ich habe einen eigenen Blog. Und ich kenn mich gut mit PCs aus. Was meint ihr, an wen meine Bekannten denken, wenn sie Fotos, eine Website oder einen Computertipp brauchen?

Auf fairer Basis im Tausch gegen Dankbarkeit und Anerkennung ist dies innerhalb des Freundeskreises oder für den Verein ja absolut ok. Wenn es denn immer so wäre…

Kannst du nicht mal …?

Allerdings gibt es auch die Spezies Mensch, die aus Ignoranz oder Dummheit meint, nur, weil man etwas könne, mache man nichts lieber als das. Im Gegenteil, man ist so motiviert, dass man auch mit Begeisterung kostenlos arbeitet.

Beispiel: Momentan scheinen alle um mich rum zu heiraten. Und wenn ich es erfahre, höre ich im selben Atemzug: “Willst du nicht fotografieren?” Nun mag diese Frage zum Teil meinem Können geschuldet sein. Aber bestimmt nicht nur. Es ist eine naheliegende und kostengünstige Lösung. Dass ich als Fotograf nix von der Hochzeit im Sinne von Feiern habe, wird da selten bedacht. (Nicht falsch verstehen! Für Freunde mache ich es gerne, das ist dann mein Geschenk an sie – es geht hier wirklich nur um Anfragen aus dem weiteren Bekanntenkreis, die in diesem Zusammenhang zum ersten Mal seit Monaten an mich denken.)

Doch das lässt sich locker toppen: Ein Erlebnis aus jüngster Zeit.

Die Mutter einer Bekannten aus der Fotogruppe kam zu mir und erzählte mir was von einem Darstellungsfehler auf der Website ihres Vereins. Ich gab ihr einen Tipp, wonach sie oder sonstwer suchen solle. Natürlich kam die Frage, ob ich das nicht “mal eben” machen könne. Ich versuchte es mit dem Zaunpfahl und sagte, dass ich nebenberufliche Tätigkeiten erst mit meinem Chef abklären müsse. Da kam die Hammerantwort: “Mach es doch einfach ehrenamtlich!”

Ach ja, ihren alten Krams bei ebay einstellen sollte ich auch noch.

Ehrenamt ist gefragt. Ist ja auch so praktisch.

Dass das kein Einzelfall ist, zeigt die Liste der Abfragen der letzten 6 Monate:

  • Eine Kollegin möchte zum zweiten Mal Bilder von ihren Kindern.
  • Ein Freund meint, ich hätte garantiert viel Spaß daran, ihn mit seinem Saxophon zu fotografieren.
  • Diverse Bekannte überlegen sich, dass sie bei Bewerbungsfotos die 10€ für den Fotografen sparen und anstelle dessen lieber mit mir ins Studio gehen können – allein die Anfahrt dauert 20 min je Weg, von der Arbeit (Ausleuchten, Fotografieren, Nachbearbeiten) gar nicht zu sprechen
  • Ein Bekannter darf Fotos kostenlos nutzen und wird pampig, wenn ich mehrfach um die vereinbarte, aber bisher nicht erfolgte Urhebernennung bitte
  • Eine große karitative Einrichtung mit zig Angestellten fragt, ob ich ihre Broschüre gegenlesen und korrigieren könne. Was ich bekomme, ist ein Dokument im 90-er-Jahre-Design mit feinster Bürokratensprache (Zielgruppe sind hilfsbedürftige Menschen jeder sozialen Schicht) Große Einrichtung, aber dann kein Geld für eine ordentliche Gestaltung und Textierung ausgeben wollen…

Warum so viele denken, Fotografie/Webarbeiten etc. seien ja nur eine Kleinigkeit

In dem Artikel “Say no to free work!” etwa sagt Ivan:

Just because we only use our brains, pencils and computers to get our job done and it does not involve any tangible physical objects, like big machinery or tons of grocery we still spend our time with the project. And, we should value our time more than anything else. Objects are easy to buy. Time is something you can’t replace. Time is an asset that has a strict expiry date. Today is only here for today, and if you spend it on something that was not worth doing, you wasted your today.

Das stimmt so absolut. Und das ist auch der Denkfehler sowohl derer, die mich fragen, als auch meiner, wenn ich dann “ja” sage. Das muss ich mir vor Augen halten! Und: Mein Können basiert auf jahrelanger Arbeit. Das ist was wert. Genauso wie meine Ausrüstung und meine Software. Umgekehrt würde ja auch keiner von uns auf die Idee kommen, dass der Nachbar, der Schreiner ist, mal eben ein neues Fenster einsetzen kann. Ivan bringt es auf den Punkt:

I used to do free jobs for friends, because I felt ashamed to ask for money for stuff that only takes my time. However I never felt it right to ask my friends to repair my car for free when taking it to their workshop or serve me for free when I visited their restaurant.

Lernt Nein-Sagen

Da sich diese Fälle immer mehr häufen, heißt es, Nein-Sagen zu lernen. Ein paar Mal hab ich es erfolgreich gemacht, etwa bei besagter karitativen Einrichtung (denen gesagt, was ich vom Entwurf halte, welches Vorgehen ich empfehle und dass die Überarbeitung so grundlegend ist, dass ich das leider nicht in meiner Freizeit hinbekomme).

Wie also sage ich bestimmt, aber freundlich “nein”? Dazu habe ich den schönen Text “The Gentle Art of Saying No” gefunden, dessen Hauptpunkte ich hier zusammenfassen möchte:

  1. Kenne deinen Zeitplan. Wo keine Zeit ist, kann keine verplant werden.
  2. Kenne deine Prioritäten
  3. Übe das Nein-Sagen
  4. Entschuldige dich nicht dafür, Nein zu sagen
  5. Hör auf, nett zu sein. Höflich, ja. Nett, nein.
  6. Sag auch mal “Nein” zu deinem Chef (ok, für uns jetzt weniger relevant)
  7. Mach bei “drohenden” Anfragen im Vorfeld klar, dass du keine Zeit hast – komme ihr zuvor.
  8. Sag, dass du drüber nachdenkst, und lehne später ab
  9. “Vielleicht ein andermal”
  10. “Es liegt nicht an dir”

Insgesamt ein lesenswerter Artikel, den ich euch gerne empfehle.

Mein Vorsatz (oder, neudeutsch: Lesson learned)

Ich denke, es ist wichtig zu wissen, wie viel Zeit man bereit ist zu geben. Denn Zeit ist ein begrenztes Gut. Mehr als wir haben, können wir nicht geben. Und wenn wir alles geben, uns noch lange To-Do-Listen anlegen, dann werden wir erdrückt, ertränkt in der Arbeit anderer. In der letzten Zeit habe ich viel darüber nachgedacht, wie ich fortan damit umgehe und auch mich, meine Kraft und meine Freizeit schütze.

Fortan mache ich nur noch a) Fotos/Arbeit für Menschen, die mir nahe stehen, wenn ich b) wirklich die Zeit dazu habe und c) auch Spaß daran. Und es muss etwas zurück kommen. Nicht zwingend eine neue Kamera, aber das Wissen, dass meine Arbeit und die Zeit wirklich wertgeschätzt wird.

Wenn ich mich für ein “Nein” entscheide, kann ich ja helfen, jemanden zu finden, der das übernimmt – Fotografen zumindest kenn ich en Masse. Erste Erfahrungen zeigen, dass ein “Nein” gar nicht so schlimm ist. Dass meine Mitmenschen durchaus in der Lage sind, auch ohne mich klarzukommen. Und ich mich einfach freier fühle, wenn die To-Do-Liste nicht ganz so lang ist.

Dieser Beitrag hat 17 Kommentare

  1. Alexander Kulla

    Wunderbar… Du sprichst mir aus dem tiefsten Herzen. “Nein” sagen ist soooo wichtig im Leben. Ich habe das bis vor ein paar Jahren auch nicht gekonnt. Mittlerweile habe ich aber den Arsch in der Hose das auch zu tun. Es muss auch nicht immer ein striktes “Nein” sein. Manchmal reicht auch ein “Ja, aber nur wenn”… :-) So komme ich in meinem Arbeitsleben und meinem Hobby sehr gut klar.

    LG Alexander

  2. Daniel

    Ich denke mal das kennt jeder (Hobby)Fotograf zu genüge.

    Generell bin ich, was das betrifft, recht stumpf geworden und habe kein Problem damit, einen Preis zu nennen. Denn spätestens, wenn sich die Interessenten umhören, werden sie merken wie es in der Foto-Welt aussieht.

    Ein kostenloses Shooting kann aber auch (die richtige Person vorrausgesetzt) als Investition gesehen werden. So hatte ich schon Tfp-Shootings, welche (aus dem Freundeskreis des Models) dann Payshootings nach sich gezogen haben. Die “kostenlose” Werbung für das eigene Schaffen kann also auch Positives mit sich bringen :up:

  3. Birgit

    Danke für den tollen Artikel … wie wahr!
    Es ist zwar immer eine Gratwanderung mit dem “höflichen, aber bestimmten Nein-Sagen” … denn niemand macht wohl Freudensprünge, wenn er seine “Pfründe schwinden” sieht, aber es ist wert, sich deinen Artikel mal zu Gemüte zu führen und … das Nein sagen üben :-) :coffee:

  4. Marco

    Als leidgeplagter ‘Computerexperte’ mit einem grossem Freude- und Bekanntenkreis, die alle so GAR nix mit Computern am Hut haben, sprichst Du mir aus der Seele.
    Mal eben ‘schnell’ einen ganzen Abend (4 Stunden) die Virenschleuder von Bekannten zurechtbiegen für nichtmal ein Dankeschön? Brauch ich auch nicht mehr… 100%ig konsequent bin ich zwar leider auch noch nicht, aber wir arbeiten daran :D

  5. Jens

    Oh ja, du schreibst mir aus der Seele! Also Computer-, Foto- und Internetspezi klappen sich mir schon instinktiv die Nackenhaare hoch bei Sätzen die mit “Sage mal, du…” beginnen. Auch ich habe schmerzlich lernen müssen, nein zu sagen. Und ich habe lernen müssen, mich nicht dafür zu rechtfertigen, wenn ich für die lange PKW-Anfahrt zumindest das Spritgeld erwähnte. Es hat mich einiges an Nerven und sog. “Freunden” gekostet.

    Jetzt fällt es mir leichter, nein zu sagen oder den entsprechenden Preis zu nennen. Letztendlich bin ich daran gewachsen.

  6. Cyman

    Oh ja. Gerade 15 Minuten ist das letzte Erlebnis her. Bei manchen Gelegenheiten stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass ein Arzt auf die Idee kommt eine Gefälligkeitsarbeit zu verlangen und
    man kurz darauf seine Rechnung für einen identischen Zeitaufwand aus der Post zieht…

  7. bee

    Offenbar bin ich wirklich kein Einzelfall… vermutlich ist das eine Lektion, die jeder von uns lernen muss. Das Leben ist nicht freundlich.

    Übrigens hab ich mir vorhin besagte Kollegin geschnappt und meinte so, sehr vorsichtig: “Du, ich fotografier nicht gerne Menschen.” Und sie so: “Ok”. Thema war erledigt. Sie war eher überrascht, dass ich da überhaupt so nen Aufhebens drum gemacht hab, mit “ich muss dir was sagen” und so :)

  8. Jana und die Jungs

    Danke Birgit.
    Du hast das Thema voll erwischt.

  9. July

    Wie wahr, wie wahr,…

    Diese Erfahrungen musste ich auch schon machen. Nich nur was die Fotos angeht, auch im Bereich Design (Wozu lernt man denn so was :( )

    Für Freunde mach ich das gern, aber auch nur im gewissem Rahmen. Oft erlebe ich, wie die Arbeit einfach unterschätzt wird. Wieviel Zeit für einige “Kleinigkeiten” gebraucht wird.

    Danke

  10. Manu

    Ich muss grad grinsen – genau das Problem kommt mir sowas von bekannt vor !!!
    Da geht´s mir genauso wie dir und auch ich hab mir für 2010 fest vorgenommen auch mal NEIN zu sagen und nicht für alle und jeden da zu sein – klappt bis jetzt ganz gut :)
    … und du packst das auch !!!
    Danke für diesen supergenialen Post – war mir eine richtige Freude zu lesen – ich hab mich selbst darin erkannt !!!

  11. Daniel

    Schöner Beitrag. Besonders Deine Punkte (b) und (c) für künftige freiwillige Projekte sind denke ich wichtig. Wenn Du dafür schon kein Geld bekommst sollst Du wenigstens etwas anderes davon haben… Spaß, wirklich neue Erfahrungen, auf jeden Fall keine Nachteile.
    Ist auch toll wenn Beschwerden kommen, weil man sein Hobby ausübt und damit Neuland betritt und der “Beglückte” sich anschließend beschwert, weil man kein Profi-Ergebnis abgeliefert hat (“ich dachte, Du kannst das…”).

  12. Claus

    Danke für die Ermutigung und klaren Worte. :coffee:

    Nach zwei 90h-Wochen in Folge :wirr: und Kunden die jetzt aber wirklich ganz dringend auch noch was brauchen :angry: muss man erkennen, dass man im Vorfeld Nein sagen lernen _muss_.

    Alles andere ist sich selbst und anderen gegenüber unverantwortlich.

  13. Jürgen

    Treffer! Das mit der Dankbarkeit scheint mir besonders wichtig, zumindest öffnet sie bei mir manche Tür dann doch. Und dann auch gerne, weil in der Regel dann auch Gegenleistungen nicht ausgeschlossen sind. Und so ein Netzwerk des gegenseitigen Gefallens hat ja auch was für sich …

    Fein geschrieben übrigens, danke.

  14. Sam

    Hach, das kenn ich – als ich vor ca. 20 Jahren mit EDV anfing meldeten sich auch alle noch so entfernten kaum Bekannten bei mir “Du kennst Dich doch mit Computern aus”, mit den unmöglichsten Anfragen (“Haben einen Computer gekauft, aber der ist nicht so schnell wie wir ihn gerne hätten, kannst Du nicht mal gucken”).

    Irgendwann hab ich bei Anrufen auf das “Kann ich Dir eine Frage stellen” von Leuten, die mich nie vorher anriefen, dann recht pissig mit “nur, wenn sie nichts mit Computern zu tun hat!” geantwortet, und selbst das hat einige nicht abgeschreckt irgendwelche Rechnerfragen zu stellen.

    Inzwischen bin ich das ziemlich gut los. Ich werde zwar auch mal nach (kostenlosen) Gefallen gefragt, aber meist fragen sie sogar gleich, ob ich zB günstiger Bewerbungsfotos machen würde als der Fotograf um die Ecke, was ich in Ordnung finde.
    Und es gibt auch noch Leute, denen ich gerne kostenlos helfe, einfach weil die nett genug sind, und nicht nur fordern.
    Und bei manchen hat es sich auch richtig gelohnt, etwas kostenlos zu machen. Das waren dann aber auch Dinge, die mir Spaß gemacht haben.

    Ansonsten ist das genauso wie mit Bettlern, die nach Geld fragen: ich lächle, sage freundlich, “nein Danke” ohne Grund, und bleibe dabei. Und wer den Grund unbedingt wissen will, egal ob er nach Geld oder Gefallen bettelt, dem sag ich weiterhin höflich, dass ich gerade keine Lust dazu habe.

  15. Heiko

    Hi Birgit,

    du sprichst mir ebenfalls aus der Seele. Von vielen Leuten wird einfach erwartet das man Fotos macht oder sie kostenlos hergibt.
    Am schlimmsten finde ich es wenn man auf Feiern eingeladen wird und anschließend gebeten wird, diese zu fotografieren…

    LG Heiko

  16. Paleica

    es ist ja ein tolles kompliment, wenn alle an dich denken und das von dir haben wollen. aber das hört sich ja beinahe nach nem fulltimejob neben dem fulltimejob an. gut, adss du auch mal nein sagst!

  17. Pingback: Archivgestöper #1 | Reingezoomt

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