Undank ist der Welten Lohn – oder: Warum ich jetzt öfter “Nein” sage

SANY0561 150x150 Undank ist der Welten Lohn   oder: Warum ich jetzt öfter Nein sageSeit ich denken kann, bin ich ehrenamtlich tätig. Und ich bin es gerne. Gleichzeitig beobachte ich, wie Ehrenamt und kostenlose Leistungen immer mehr einfach vorausgesetzt werden, was ich nicht ok finde. Wo also die Grenze setzen? Eine leicht angesäuerte Betrachtung.

Kurzer Hinweis an meine Fotogruppe, an bereits zugesagte Hochzeiten und das Freiwilligenzentrum Bayreuth: Für euch ändert sich nichts. Nicht dass ihr jetzt nen Schrecken bekommt icon smile Undank ist der Welten Lohn   oder: Warum ich jetzt öfter Nein sage

Wer kann, der muss…

An diesem Spruch meiner Uroma ist so viel Wahres…

Ich bin Hobbyfotograf und habe eine optisch imposante, weil große Kamera. Ich habe einen eigenen Blog. Und ich kenn mich gut mit PCs aus. Was meint ihr, an wen meine Bekannten denken, wenn sie Fotos, eine Website oder einen Computertipp brauchen?

Auf fairer Basis im Tausch gegen Dankbarkeit und Anerkennung ist dies innerhalb des Freundeskreises oder für den Verein ja absolut ok. Wenn es denn immer so wäre…

Kannst du nicht mal …?

Allerdings gibt es auch die Spezies Mensch, die aus Ignoranz oder Dummheit meint, nur, weil man etwas könne, mache man nichts lieber als das. Im Gegenteil, man ist so motiviert, dass man auch mit Begeisterung kostenlos arbeitet.

Beispiel: Momentan scheinen alle um mich rum zu heiraten. Und wenn ich es erfahre, höre ich im selben Atemzug: “Willst du nicht fotografieren?” Nun mag diese Frage zum Teil meinem Können geschuldet sein. Aber bestimmt nicht nur. Es ist eine naheliegende und kostengünstige Lösung. Dass ich als Fotograf nix von der Hochzeit im Sinne von Feiern habe, wird da selten bedacht. (Nicht falsch verstehen! Für Freunde mache ich es gerne, das ist dann mein Geschenk an sie – es geht hier wirklich nur um Anfragen aus dem weiteren Bekanntenkreis, die in diesem Zusammenhang zum ersten Mal seit Monaten an mich denken.)

Doch das lässt sich locker toppen: Ein Erlebnis aus jüngster Zeit.

101013 0058 150x150 Undank ist der Welten Lohn   oder: Warum ich jetzt öfter Nein sageDie Mutter einer Bekannten aus der Fotogruppe kam zu mir und erzählte mir was von einem Darstellungsfehler auf der Website ihres Vereins. Ich gab ihr einen Tipp, wonach sie oder sonstwer suchen solle. Natürlich kam die Frage, ob ich das nicht “mal eben” machen könne. Ich versuchte es mit dem Zaunpfahl und sagte, dass ich nebenberufliche Tätigkeiten erst mit meinem Chef abklären müsse. Da kam die Hammerantwort: “Mach es doch einfach ehrenamtlich!”

Ach ja, ihren alten Krams bei ebay einstellen sollte ich auch noch.

Ehrenamt ist gefragt. Ist ja auch so praktisch.

Dass das kein Einzelfall ist, zeigt die Liste der Abfragen der letzten 6 Monate:

  • Eine Kollegin möchte zum zweiten Mal Bilder von ihren Kindern.
  • Ein Freund meint, ich hätte garantiert viel Spaß daran, ihn mit seinem Saxophon zu fotografieren.
  • Diverse Bekannte überlegen sich, dass sie bei Bewerbungsfotos die 10€ für den Fotografen sparen und anstelle dessen lieber mit mir ins Studio gehen können – allein die Anfahrt dauert 20 min je Weg, von der Arbeit (Ausleuchten, Fotografieren, Nachbearbeiten) gar nicht zu sprechen
  • Ein Bekannter darf Fotos kostenlos nutzen und wird pampig, wenn ich mehrfach um die vereinbarte, aber bisher nicht erfolgte Urhebernennung bitte
  • Eine große karitative Einrichtung mit zig Angestellten fragt, ob ich ihre Broschüre gegenlesen und korrigieren könne. Was ich bekomme, ist ein Dokument im 90-er-Jahre-Design mit feinster Bürokratensprache (Zielgruppe sind hilfsbedürftige Menschen jeder sozialen Schicht) Große Einrichtung, aber dann kein Geld für eine ordentliche Gestaltung und Textierung ausgeben wollen…

Warum so viele denken, Fotografie/Webarbeiten etc. seien ja nur eine Kleinigkeit

In dem Artikel “Say no to free work!” etwa sagt Ivan:

Just because we only use our brains, pencils and computers to get our job done and it does not involve any tangible physical objects, like big machinery or tons of grocery we still spend our time with the project. And, we should value our time more than anything else. Objects are easy to buy. Time is something you can’t replace. Time is an asset that has a strict expiry date. Today is only here for today, and if you spend it on something that was not worth doing, you wasted your today.

Das stimmt so absolut. Und das ist auch der Denkfehler sowohl derer, die mich fragen, als auch meiner, wenn ich dann “ja” sage. Das muss ich mir vor Augen halten! Und: Mein Können basiert auf jahrelanger Arbeit. Das ist was wert. Genauso wie meine Ausrüstung und meine Software. Umgekehrt würde ja auch keiner von uns auf die Idee kommen, dass der Nachbar, der Schreiner ist, mal eben ein neues Fenster einsetzen kann. Ivan bringt es auf den Punkt:

I used to do free jobs for friends, because I felt ashamed to ask for money for stuff that only takes my time. However I never felt it right to ask my friends to repair my car for free when taking it to their workshop or serve me for free when I visited their restaurant.

Lernt Nein-Sagen

Da sich diese Fälle immer mehr häufen, heißt es, Nein-Sagen zu lernen. Ein paar Mal hab ich es erfolgreich gemacht, etwa bei besagter karitativen Einrichtung (denen gesagt, was ich vom Entwurf halte, welches Vorgehen ich empfehle und dass die Überarbeitung so grundlegend ist, dass ich das leider nicht in meiner Freizeit hinbekomme).

Wie also sage ich bestimmt, aber freundlich “nein”? Dazu habe ich den schönen Text “The Gentle Art of Saying No” gefunden, dessen Hauptpunkte ich hier zusammenfassen möchte:

  1. Kenne deinen Zeitplan. Wo keine Zeit ist, kann keine verplant werden.SANY0587 150x150 Undank ist der Welten Lohn   oder: Warum ich jetzt öfter Nein sage
  2. Kenne deine Prioritäten
  3. Übe das Nein-Sagen
  4. Entschuldige dich nicht dafür, Nein zu sagen
  5. Hör auf, nett zu sein. Höflich, ja. Nett, nein.
  6. Sag auch mal “Nein” zu deinem Chef (ok, für uns jetzt weniger relevant)
  7. Mach bei “drohenden” Anfragen im Vorfeld klar, dass du keine Zeit hast – komme ihr zuvor.
  8. Sag, dass du drüber nachdenkst, und lehne später ab
  9. “Vielleicht ein andermal”
  10. “Es liegt nicht an dir”

Insgesamt ein lesenswerter Artikel, den ich euch gerne empfehle.

Mein Vorsatz (oder, neudeutsch: Lesson learned)

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Ich denke, es ist wichtig zu wissen, wie viel Zeit man bereit ist zu geben. Denn Zeit ist ein begrenztes Gut. Mehr als wir haben, können wir nicht geben. Und wenn wir alles geben, uns noch lange To-Do-Listen anlegen, dann werden wir erdrückt, ertränkt in der Arbeit anderer. In der letzten Zeit habe ich viel darüber nachgedacht, wie ich fortan damit umgehe und auch mich, meine Kraft und meine Freizeit schütze.

Fortan mache ich nur noch a) Fotos/Arbeit für Menschen, die mir nahe stehen, wenn ich b) wirklich die Zeit dazu habe und c) auch Spaß daran. Und es muss etwas zurück kommen. Nicht zwingend eine neue Kamera, aber das Wissen, dass meine Arbeit und die Zeit wirklich wertgeschätzt wird.

Wenn ich mich für ein “Nein” entscheide, kann ich ja helfen, jemanden zu finden, der das übernimmt – Fotografen zumindest kenn ich en Masse. Erste Erfahrungen zeigen, dass ein “Nein” gar nicht so schlimm ist. Dass meine Mitmenschen durchaus in der Lage sind, auch ohne mich klarzukommen. Und ich mich einfach freier fühle, wenn die To-Do-Liste nicht ganz so lang ist.

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Hallo, ich bin Birgit - Designstudentin, Amateurfotografin und ein Fan von Tee, Büchern und guten Designs. Wenn ich fotografiere, versuche ich, das Glück einzufangen. Meins oder das der anderen. Denn ich habe gemerkt, dass mich das glücklich macht.